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Schnorr und Taproot: Privatssphäre vs. Regulierung beim Bitcoin (BTC)

In den USA haben vor einigen Wochen drei republikanische Senatoren einen Gesetzesentwurf eingebracht, der in den USA bei Umsetzung jede verschlüsselte Technologie verbieten würde, es sei denn staatlichen Stellen ist der unbeschränkte Zugriff möglich. Heißt übersetzt, dass der amerikanische Staat zumindest bei Vorliegen eines strafrechtlich relevanten Anlasses direkten Zugriff auf alle verschlüsselten Daten und Systeme haben will – also alle Chats und Messenger-Kommunikationen (z.B. WhatsApp und Telegram) lesen, auf alle Cloudstorages wie Dropbox und iCloud zugreifen und alle Wallets kontrollieren können will.

Dabei handelte es sich um ein wahrlich Orwell’sches Szenario mit glücklicherweise relativ wenig Aussicht auf Erfolg, das aber zeigt: der Staat (in diesem Fall amerikanische Staat, gilt aber mehr oder weniger stark für alle Staaten) hat ein Problem mit zu viel verschlüsselter Privatsphäre. Das beginnt bei Messenger-Diensten und hört nicht bei Kryptowährungen auf.

Dem entgegen stehen neben Privacy-Coins wie Monero oder Dash auch die Privacy-Weiterentwicklungen beim Bitcoin. Vermutlich können nur sehr wenige Menschen sich etwas unter den Bitcoin Improvement Proposals (BIPs) 340,341 und 342 vorstellen. Das ist okay, so wirklich sprechend sind diese Namen ja nicht. Etwas (!) deutlicher wird es, wenn man die Inhalte benennt: Taproot und Schnorr-Signaturen – aber auch damit kann erstmal fast niemand außerhalb der Bitcoin- und Kryptoszene etwas anfangen. Mit diesem Artikel möchte ich das Thema Bitcoin und Privatsphäre näher beleuchten und dabei explizit auf die beiden BIPs Schnorr und Taproot eingehen.

Schnorr und Taproot: Gefahr oder Heilsbringer für die Bitcoin Privatsphäre?

Um nicht zu technisch zu werden: Es handelt sich um Weiterentwicklungen am Bitcoin-Code. Die Schnorr-Signaturen bilden dabei quasi die technische Grundlage für das Zusammenführen mehrerer Signaturen zu einer, so dass auf der öffentlichen BTC-Blockchain nicht mehr direkt nachvollziehbar ist, welchen Weg (über welche Wallet-Adressen) die Bitcoins, die in einer Transaktion verwendet werden, zum Absender gekommen sind.

Zusätzlich wird über Taproot eine Veränderung bei der Darstellung von Smart Contracts auf der Blockchain bringen. Smart Contracts kann man sich stark vereinfacht als „Wenn*-Dann-Funktion“ auf der Blockchain vorstellen, die bei Eintreten des „Wenn“ automatisch und ohne weitere (manuelle/menschliche) Instanz zum Auslösen des „dann“ führen -wobei das „Wenn“ durchaus mit logischen Argumenten erweitert sein kann (also z.B. „Wenn Dies oder Das dann …“ oder „Wenn Dies und Das aber nicht Jenes dann …“ und so weiter). Derzeit werden bei Smart Contracts auf der BTC-Blockchain noch alle Bedingungen aufgeführt, die geprüft wurden – auch die, die nicht eingetreten sind. Mit Taproot ist es dann nur noch die erfüllte Bedingung – eine Smart Contract-Transaktion auf der Blockchain wird dann also quasi nicht mehr als „Wenn/…Und/Oder/…/Oder-Dann“ dargestellt, sondern nur noch als „Weil“. Vereinfacht gesagt. Ist auch so noch kompliziert genug.

Können die BIPs zu einem Verbot führen?

Es führt in erster Linie und vor allem erstmal zu mehr Privatsphäre, weil eben nicht mehr (so einfach) nachvollzogen werden kann, wer welche Bitcoins woher und aus welchem Grund erhalten hat bzw. sendet. Das geht ja eigentlich auch keinen was an und von daher ist diese Veränderung des Bitcoin-Codes eine Verbesserung – zumindest aus Sicht des Einzelnen.

Wie vorteilhaft ist eine erhöhte Bitcoin Privatsphäre in der Realität?

Betrachten wir es einmal aus einem anderen Blickwinkel – zum Beispiel aus Sicht einer Exchange, die keine Bitcoins annehmen/wechseln will, die aus irgendwelchen Scams stammen – denn das wäre Geldwäsche und die ist strafbar, also muss man sich mit Analysetechnik davor schützen. Für die Exchange ist das – weil es eben ihr täglich‘ Brot ist – noch gut leistbar und findet auch bereits statt. Manche Exchanges nehmen keine Funds, die zuvor einen Mixerdienst durchlaufen haben oder aus „anonymen“ Wallets wie Wasabi oder Samurai gesendet werden, mehr an.

Und das Café an der Ecke oder das kleine Klamottengeschäft? Spielen wir’s durch:
Bei der Annahme der Zahlung in BTC auf die eigene Wallet des Einzelhändlers findet keine Prüfung statt, weil es ein kleines Geschäft ist, ohne Zahlungsdienstleister dazwischen, der aufpassen, die Transaktion abweisen (und die Hand aufhalten) würde. Die Bitcoin werden also vom Kunden zum Gastronom/Händler übertragen, die Zahlung ist abgeschlossen, die Ware geht über den Tresen.

Nun möchte der Einzelhändler seine gesammelten Bitcoins irgendwann gegen Euros tauschen und transferiert sie zur Börse seines Vertrauens. KYC hat er gemacht, ist auch alles gut mit seinem Account – die Börse friert die Bitcoins bei Ankunft trotzdem sofort ein, weil sie mit ihren Mitteln und Möglichkeiten die Herkunft der Funds nachverfolgt hat und Geldwäsche nicht ausschließen kann. Nicht gut erstmal, kann aber noch aufgelöst werden (zur Not durch Nutzung einer anderen Börse), dauert aber möglicherweise etwas und schränkt die Freizügigkeit von Bitcoin erstmal ein. Der Händler wird sich überlegen, ob er den Service weiter anbietet – die Adaption stockt bzw. geht zurück.

Es ist so ein bisschen wie der Geldschein aus dem eigenen Portemonnaie, an dem Koks nachgewiesen wird, auch wenn man selbst noch nie was damit zu tun hatte – soll aber bei 80-90% aller Banknoten nachweisbar sein.

Staatliche Regulierung und Notwendigkeit der AML-Richtlinien

Wenn man nun die Entwicklung beim Bitcoin weiterdenkt und weitere BIPs in Richtung erhöhter oder gar vollständiger Anonymität zur Umsetzung kommen, könnte die nicht mehr vorhandene Transparenz dazu führen, dass Bitcoin zum Privacy Coin wird. Diese allerdings stehen bereits jetzt unter erhöhter Beobachtung der Gesetzgeber und sehen sich konkreten Verbotsbemühungen von Seiten der FATF und ausdrücklich der Regierung Frankreichs ausgesetzt, was auch bereits zu Delisting-Reaktionen großer Börsen führte – eine Börse kann es schlicht nicht riskieren, an illegalen Transaktionen beteiligt zu sein, auch nicht als passiver Dienstleister.

In Deutschland haben es die Privacy Coins ebenfalls auf das Radar der Behörden geschafft – So nannte das Bundesfinanzministerium in der „Ersten nationalen Risikoanalyse“ beispielsweise Monero und ZCash. Diese dienen dort als Negativbeispiel gegenüber pseudoanonymen Kryptowährungen wie (ebenfalls namentlich benannt) Bitcoin und Ether. Es ist bei steigender Verbreitung von Kryptowährungen und damit auch dem Anstieg der Nutzung quasi absehbar, dass Privacy Coins auf staatlicher, wenn nicht sogar internationaler Ebene verboten werden.

Fazit: Wird Bitcoin jetzt also verboten werden?

Nein. Um es ganz klar zu sagen: Mit Schnorr und Taproot besteht die Gefahr eines Verbots meines Erachtens nicht. Es wird schwieriger in der Analytik, aber nicht unmöglich, Transaktionen und damit Geldflüsse nachzuvollziehen. Die Entwickler-Community sollte dennoch weiterhin Augenmaß behalten und sich der Tatsache bewusst sein, dass es inzwischen nicht mehr nur um Magic Internet Money mit vielleicht 100.000 nerdigen Anwendern weltweit geht, sondern dass Kryptowährungen eine weltumspannende und tatsächlich auch weltbewegende Industrie geworden sind, die vom Bitcoin angeführt wird. Das ist eine immense Verantwortung, derer sich Satoshi Nakamoto vermutlich bewusst war, als er/sie/es den Bitcoin erschuf. Eine vollständige Anonymisierung und somit Erhöhung der Bitcoin Privatsphäre anstelle der Pseudo-Anonymisierung wäre auch 2008/09 bereits möglich gewesen. Dabei hat sich Satoshi Nakamoto aber offensichtlich bewusst gegen diese Verankerung entschieden.

Ein Verbot des Bitcoin hätte eine unmittelbar destruktive Wirkung auf das gesamte Kryptowährungs-Ökosystem weltweit – egal, wie gut oder schlecht ein solches Verbot durchsetzbar ist (das ist eine gänzlich andere Diskussion), in Richtung Akzeptanz und Adaption würde das Krypto-Mutterschiff auf den Grund des Meeres sinken und der Kurs dementsprechend gleich mit.

Über den Autor

Rolf Leder wurde 1972 geboren. Er ist seit über 25 Jahren in unterschiedlichen Positionen im Kundenservice-, IT- und Prozessumfeld tätig.

Er sorgt als Vermittler und Dolmetscher dafür, dass die Anwender, die Fachanforderer und die IT eine gemeinsame Sprache finden.

Dieser Artikel erschien unter dem Titel 

Bitcoin und Privatsphäre – Droht ein BTC-Verbot durch Schnorr und Taproot?

am 13.07.2020 bei 

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