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Die Glaskugel von Kryptoland.

Glaskugel

Warum technische Analyse von Kryptowährungen Quatsch ist – und trotzdem so oft stimmt.

Schön anzusehen sind sie ja, diese Kurven und Linien, Trends, Unterstützungen, Fibunaccis und Widerstandsbereiche. Man kann eine echte Wissenschaft daraus machen, mit ein paar Strichen ganz klar etwas erkennen und …. ja genau, und dann?

Rechts vom aktuellen Kurspunkt ist diese unsägliche Leere. Wie geht’s weiter von hier aus? Setzt der Trend sich durch, trotz des Widerstandes, bricht er womöglich aus, schneidet diesen oder jenen sich schlängelnden gleitenden Durchschnitt (am liebsten von unten nach oben, ist ja klar). Oder bleibt der Kurs in Kanal, prallt nochmal an der Linie ab und ändert die Richtung?

Was genau kann die bisherige Entwicklung über die Zukunft eine Kurses verraten? Nichts definitives, wenn man ehrlich ist. Der Kurs geht maximal in eine von drei Richtungen, das ist sicher: nach oben, nach unten oder seitwärts. Oder irgendwo dazwischen. Und das war es auch schon mit den Gewissheiten. Trotzdem gibt der vergangene Weg eines Kurses eine Indikation, eine Wahrscheinlichkeit, die sich aus der Vergangenheit ableiten lässt. Denn in nachweisbar vielen Fällen, in denen der Kurs früher diese Bewegung gemacht, in diesem Muster gesteckt oder diese Zone erreicht hat, passierte dies, das, jenes, welches.

Es gibt ganze Regalmeter voller Bücher, die sich mit nichts anderem beschäftigen: Chartanalyse oder auch Technische Analyse. Und eben weil die Analyse eine gewisse Ableitung erlaubt, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass der Chart genau das erwartete Bewegungsmuster durchläuft. Wieso das? Der Kurs interessiert sich doch nicht für Linien und Kurven, der Kurs ist der Kurs, und bei Kryptowährungen sowieso nochmal anders als im Aktienmarkt oder bei Währungskursen im Forexhandel. Und trotzdem werden die gleichen Muster angelegt und tatsächlich treffen sie auch oft zu.

Magie? Nein, eher so etwas wie sich selbst erfüllende Prophezeiungen. Es ist der analytische Konsens, der die Trading Bots und ihre menschlichen Bediener und Mitstreiter so handeln lässt, dass sich der Kurs auch wie erwartet entwickelt.

Ein Beispiel: Man ist sich im Allgemeinen darüber einig, dass ein Durchstoßen der 200-Tage-Linie nach oben ein starkes Signal ist und der Kurs danach weiter steigt. Was tun also viele Marktteilnehmer, wenn die Konstellation eintritt? Richtig, sie kaufen. Was mit dem Kurs genau das macht, was prophezeit wurde – er steigt.

Ein zweites Beispiel: ein Kurs befindet sich seit einiger Zeit in einem Kanal und pingt fröhlich zwischen den Seitenlinien hin und her. Trader werden nun also, nehmen wir mal an, dass der Kurs sich der oberen Linie nähert, Verkaufsorders kurz unterhalb der Linie platzieren, um zu einem möglichst guten Preis Gewinne aus der Steigungsphase mitzunehmen. Es passiert also wie von Geisterhand, dass der Kurs immer mehr unter Druck gerät und am Ende sogar sinkt, weil da verkaufen ja so viele, geht ja wieder runter, sieht man doch. Mathematischer Herdentrieb.

Manchmal, und das sind die goldenen Momente, da bricht so ein Kurs einfach aus und macht etwas komplett anderes, als man aufgrund der TA erwarten könnte. Vielleicht, weil die Realität sich einmischt und irgendwelche Nachrichten etwas Gutes (oder schlechtes, je nachdem) bekannt werden. Der Effekt ist, dass all die gesetzten Stop-Losses gezogen werden und erstmal ein paar Leute Verluste machen, was aber die große Bewegung nicht weiter stört. Am Ende tut man das dann mit einem Schulterzucken ab, weil der Kurs ist der Kurs. Und technische Analyse ist eben nur ein Indikator. Passt schon.

Ist es in diesem Umfeld wirklich sinnvoll, Chartanalyse auf einer einzelnen Kryptowährung zu betreiben? Verstehen Sie mich richtig, ich mag technische Analyse. Sie kann helfen, aber nur bedingt. Ich mag es allerdings nicht, wenn TA zum Heiligen Gral erklärt wird. Kurzfristig vielleicht. Aber mittel- oder gar langfristig?

Das Killerargument pro technischer Analyse ist, dass es allgemeingültig heißt ‚The Trend Is Your Friend‘ – und raten Sie mal, was total hilft, um einen Trend zu bestimmen … 😉 Doch unterschätzen Sie nicht den Zeitaufwand – mit ein paar Strichen hier und einem schnellen Dreieck dort ist es nicht getan. Technische Analyse ist zeitaufwändig, zumindest wenn man sie ernsthaft betreiben will. Nicht zuletzt die oben erwähnten Regalmeter an Fachliteratur zur TA sind Zeichen dafür, dass es viele Parameter und Indikatoren gibt.

Bitte bedenken Sie auch immer, dass die „echte Welt“ außerhalb von Analysetools stattfindet – die Projekte entwickeln sich weiter, Partnerschaften werden geschmiedet oder gelöst, Adaption findet statt, neue Player kommen ins Spiel. TA kann nur die Vergangenheit abbilden – Fundamentaldaten (also z.B. Marktkapitalisierung, Handelsvolumen, Netwerkstärke, Verfügbarkeit an Exchanges, Team und Kompetenz, Partnerschaften etc.) bilden das Fundament einer jeden Analyse. Technische Analyse mag kurzfristig Sinn ergeben, langfristig sind es aber fundamentale Werte, die einem Coin/Token eine Art ‚intrinsischen Wert‘ verleihen. Wie ist das Werteversprechen eines jeweiligen Coins, hat er einen Nutzen oder ist es nur der x-te Coin mit dem gleichen Usecase? Was steckt hinter den jeweiligen Wert, wie sind der Newsflow, die allgemeine und die aktuelle Marktstimmung, was ist gerade für ein Tag, welche Uhrzeit, whatever.

Insbesondere Kryptowährungen (ausgenommen vielleicht zukünftig Security Token) funktionieren anders als Aktien. Sie sind 24/7 handelbar und entwickeln sich insgesamt viel schneller – der Kryptomarkt von heute ist komplett anders als noch vor 2-3 Jahren. Die Branche entwickelt sich rasant, es können immer neue Arten von Coins und Token dazu. Die Investoren sind andere geworden, neues Geld kommt in den Markt, institutionelle Anleger und womöglich auch bereits die ersten Staaten beginnen damit, relevante Beträge zu investieren. Geldsummen, die ein Vielfaches der aktuellen Marktkapitalisierung sind, werden in den Kryptomarkt fließen, zumindest gehen viele Menschen davon aus.

Die grundsätzlichen Fragen eines jeden Einzelnen bleiben dennoch gleich:

Glaube ich an den fundamentalen Wert einer Kryptowährung und das langfristige Werteversprechen? Dann bin ich eher Investor und arbeite ohnehin weniger mit TA.

Oder ist mir das zugrundeliegende Asset egal und ich möchte möglichst nur „möglichst schnell möglichst viel Geld verdienen“? Dann bin ich eher Spekulant und Trader und benötige eine sorgfältige TA als wichtige Unterstützung.

So oder so: Do Your Own Research. Be Your Own Bank. Trade, invest, HODL. Mit oder ohne TA. Ich wünsche Ihnen von Herzen viel Erfolg!

Über den Autor

Rolf Leder wurde 1972 geboren. Er ist seit über 25 Jahren in unterschiedlichen Positionen im Kundenservice-, IT- und Prozessumfeld tätig.

Er sorgt als Vermittler und Dolmetscher dafür, dass die Anwender, die Fachanforderer und die IT eine gemeinsame Sprache finden.

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